Auf einmal stand er in der Tür: „Mir hamse mein Zelt geklaut“. Vaclav Gänsel, Weltenbummler seit sage und schreibe 36 Jahren, läuft, seitdem der Zirkus, bei dem er beschäftigt war, abbrannte, zu Fuß durch die Welt. War schon ‘überall’, hat schon auf indischen Teeplantagen, in kanadischen Wäldern, südafrikanischen Diamantenminen, und auf Kaffeeplantagen in Südamerika gearbeitet – „Alles, was so kommt“, sagt er. Und jetzt fehlen ihm noch 25 Euro für ein neues Zelt.
Nachdem ich ihm einen Kaffee angeboten habe, packt er seinen Aktenordner aus, voll mit Fotos, Zeitungsartikeln und Briefen von Leuten, denen er unterwegs begegnet ist, darunter viele Bürgermeister, Lokalpolitiker und andere Prominente. Von diesen Ordnern hat er in einem Archiv noch zweihundert.
Ich frage ihn, ob er Lust hat, in einem unserer Deutschkurse ein bisschen zu erzählen und Fragen zu beantworten: „Klar, kann ich machen“. Und dann geht er so fix vor mir die Treppe in den ersten Stock hoch, dass ich kaum hinterher komme – der Mann ist 74 Jahre alt, aber fit wie seine Turnschuhe.
Seine Geschichte, die er in der Klasse erzählt, klingt nach Abenteuer und der großen weiten Welt, aber auch nach einem harten Los: Seit 1974 marschiert Gänsel durch die Welt, hat dabei mehr als 130 Länder bereist und über 380 000 Kilometer zurückgelegt – zu Fuß, auf Frachtschiffen und im Zug. Als Achtjähriger wurde er bei einem Bombenangriff in einem Berliner Kinderheim verschüttet. Sein Vater kam im Krieg ums Leben; seine Mutter war Krankenschwester an der Ostfront und blieb vermisst. „Mein Zuhause ist die ganze Welt.“ sagt er, und lässt keinen Zweifel daran, wie er sich sein Essen verdient: „Arbeit find ich überall – na ja fast überall, nur in Deutschland findste in meinem Alter nichts.“ Deshalb macht er sich jetzt wieder auf, Richtung Hafen, um sich einen Frachter Richtung Brasilien zu suchen. „Da gibt’s genug zu tun.“
Gute Reise, Vaclav Gänsel, wir bleiben staunend zurück.





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